Alt bleiben, neu funktionieren – Ein Bauernhaus in Rüfenach wird weitergebaut

Ein Bauernhaus aus der Zeit um 1850 erzählt seine Geschichte nicht nur durch seine vertraute Form. Sie steckt fest verankert in vielen Details wie z. B. im Verputz, den Fenstereinfassungen, Fensterläden und alten Holzbalken. Bei einer umfassenden Sanierung stellt sich für uns daher stets die Frage: Wie viel muss sich verändern, damit ein altes Gebäude heutigen Ansprüchen genügt – und wie wenig darf sich verändern, damit es seinen Charakter behält? – Genau darum geht es bei unserem aktuellen Umbauprojekt in Rüfenach.

Ein Haus aus zwei Jahrhunderten

Das bestehende Bauernhaus wurde um 1850 erstellt und um 1977 erweitert. Heute steht eine umfassende Kernsanierung an: Nutzung, Wohnkomfort und Haustechnik sollen grundlegend erneuert werden. Von aussen soll man davon allerdings vergleichsweise wenig bemerken.

Die bestehende Fassadengestaltung mit Verputz, Fenstereinfassungen und traditionellen Fensterläden bleiben weitgehend erhalten. Das vertraute Erscheinungsbild des Bauernhauses prägt damit auch künftig das Ortsbild. Das Neue findet damit vor allem im Innern statt.

Der für uns spannendste Teil bleibt später unsichtbar

Bei Sanierungen älterer Gebäude liegt eine der grössten Herausforderungen oft nicht bei dem, was sichtbar ist, sondern bei Leitungen, Anschlüssen und Installationen: Strom, Wasser, Heizung und weitere Haustechnik benötigen einiges an Platz. In einem Neubau lassen sich solche Installationen von Anfang an in Wänden, Decken und Schächten einplanen. Ein Gebäude aus dem 19. Jahrhundert kennt diese Anforderungen nicht.

In Rüfenach wird daher die bestehende Decke über dem Erdgeschoss vollständig ersetzt. Die neue Deckenkonstruktion übernimmt dann gleich mehrere Aufgaben: Sie trennt die Geschosse voneinander, und wird gleichzeitig zu einer zentralen Verteilebene für die Haustechnik des Obergeschosses. Leitungen können innerhalb der Konstruktion geführt werden, ohne dass dafür die historische Erscheinung des Hauses unnötig verändert werden muss.

Eine Decke kann mehr als tragen

Bei einer durchdachten Sanierung geht es optimalerweise immer darum, einzelnen Bauteilen mehrere Funktionen zu geben. Eine neu aufgebaute Geschossdecke kann hier beispielsweise gleichzeitig:

  • statische Aufgaben übernehmen
  • Schall- und Brandschutzanforderungen erfüllen
  • Installationen aufnehmen
  • verschiedene Räume erschliessen
  • und helfen, sichtbare Technik auf ein Minimum zu reduzieren

Was später dann wie eine ganz normale Decke aussieht, kann zu einem der wichtigsten technischen Bauteile des gesamten Umbaus werden.

Neu bauen, um Altes sichtbar zu lassen

Auch die Innenwände im Erd- und Obergeschoss werden neu erstellt. Zeitgleich bleiben aber im Ober- und Dachgeschoss die bestehende Trag- und schönen Sichtbalken erhalten. Diese werden sandgestrahlt und anschliessend bewusst sichtbar belassen.

Das ist mehr als eine gestalterische Entscheidung: Alte Holzkonstruktionen zeigen unmittelbar, wie ein Gebäude entstanden ist. Balkenquerschnitte, Verbindungen, Gebrauchsspuren und kleine Unregelmässigkeiten erzählen von einer Bauweise, bei der Konstruktion und Gestaltung noch selbstverständlich dasselbe waren. Statt diese Spuren hinter neuen Verkleidungen verschwinden zu lassen, werden sie Teil der neuen Räume. So entsteht ein reizvoller Gegensatz: moderne Gebäudetechnik liegt im Verborgenen und historische Konstruktion bleiben erhalten im Blickfeld.

Warum bei alten Gebäuden nicht alles «wie neu» aussehen muss

Bei Sanierungen besteht schnell die Versuchung, Oberflächen möglichst makellos herzustellen. Gerade bei historischen Gebäuden kann dadurch jedoch ursprünglicher Charakter verloren gehen. Ein 175 Jahre alter Balken muss nicht aussehen wie frisch aus dem Holzhandel. Seine Unebenheiten, Verfärbungen und Bearbeitungsspuren gehören zu seiner Geschichte und machen den Charme des Gebäudes aus. Moderner Sandstrahltechnik entfernt sanft Verschmutzungen und alte Oberflächenbehandlungen und macht die natürliche Holzstruktur wieder sichtbar. Gleichzeitig bleiben Alter und Materialität des Bauteils ablesbar. Der Bestand wird also nicht nachgebaut oder künstlich historisiert. Er darf tatsächlich alt sein und seine Geschichte erzählen.

Wohnen und Landwirtschaft klar voneinander trennen

Eine weitere Besonderheit des Bauernhauses liegt in seiner ursprünglichen Nutzung: Historische Bauernhäuser waren damals nicht einfach nur Wohnhäuser mit angebauter Scheune. Wohnen und Arbeiten gehörten meist zu einem zusammenhängenden Gebäude. Auch beim Haus in Rüfenach besteht diese Verbindung weiterhin.

Im hinteren Bereich liegt zwischen Wohnhaus und Ökonomieteil ein Verbindungsbau. Er übernimmt künftig eine wichtige organisatorische Funktion: Er trennt Wohn- und Landwirtschaftsnutzung klar voneinander. Gleichzeitig bildet dieser Bereich den rückwärtigen Zugang zum Ökonomieteil und ermöglicht einen separaten Eingang für den landwirtschaftlichen Betrieb. Damit bleibt die ursprüngliche Typologie des Bauernhauses nachvollziehbar, während die verschiedenen Nutzungen heutigen Anforderungen entsprechend klar organisiert werden.

Sanieren bedeutet nicht, die Zeit zurückzudrehen

Ein historisches Gebäude sinnvoll weiterzuentwickeln bedeutet weder, alles Alte unangetastet zu lassen, noch möglichst viel durch Neues zu ersetzen. Für uns wird eine Sanierung dort interessant, wo unterschieden wird zwischen:

  • Was prägt den Charakter des Hauses und soll erhalten bleiben?
  • Was erfüllt seine Aufgabe nicht und sollte ersetzt werden?
  • Wo lässt sich moderne Technik so integrieren, dass sie möglichst unsichtbar ist?

Beim diesem Bauernhaus in Rüfenach fällt unsere Antwort je nach Bauteil unterschiedlich aus: Die äussere Erscheinung bleibt gerne vertraut und historische Balken bleiben sichtbar. Wände und Decken werden dort neu aufgebaut, wo dies konstruktiv und technisch sinnvoll ist und einen definierten Nutzen bringt, weil ein grosser Teil der modernen Gebäudetechnik verschwindet dort verschwindet, wo man ihn später kaum wahrnimmt.

Vielleicht liegt darin eine der interessantesten Qualitäten guter Sanierungen:

Ein altes Haus muss nicht wieder so werden, wie es einmal war. Es sollte optimalerweise so weitergebaut werden, dass seine Geschichte auch im nächsten Kapitel noch lesbar bleibt.

 

Fortsetzung folgt …